Nachbarinnen

Sie sang grauenvoll. Laut und ekstatisch brachte sie die Töne hervor. Es waren keine Lieder, keine Melodien, es waren einzelne Notensegmente, die sie wieder und wieder aus sich herausschleuderte, wie einen Ball an die Wand warf, um sie aufzufangen und erneut an die Mauer zu werfen. Manchmal flachte der Ton etwas ab, um kurz danach wieder laut anzuschwellen in einem A —- AAA —- AAAA. Oder B — DEEEEE — AAAA. Währenddessen lief das Wasser in die Badewanne. Langsam. Warm.

Die Nachbarin darunter versuchte sich zu konzentrieren. Es war der erste Regentag seit langem, es schüttete, nieselte, tropfte vom Himmel herab. Endlich, nach wochenlanger Dürre. Endlich nach wochenlangem Draußensein ein Tag, wie geschaffen für häusliche Aktivitäten. Herumsitzen. Schreiben, Lesen, Zeichnen, Denken. In den Pausen ein bisschen Putzen, um so etwas wie den Anschein von Nützlichkeit zu erwecken. Sie versuchte, sich zu konzentrieren, dem traurigen Text, den sie gelesen hatte, die Schwere zu nehmen. Oder die Schwere zuzulassen, die sie lähmte. Zwischen dem grausigen Getöne und den traurigen Worten versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen, etwas zu schreiben, was Hoffnung weckte und nicht abgedroschen klang.

Sie ließ sich in das warme Wasser gleiten. Ihr Körper verursachte ein kurzes Quietschen am Badewannenboden, als sie sich nach vorne schob. Die Töne verstummten, aufgelöst in Wohlbehagen. Es war still. Bis auf das Wasser, das durch die Rohre rauschte.

Rainbow

The day after the funeral, after weeks of spiteful grey and cold, it rained and rained and the sun came out and, as she made her way to the empty house, a rainbow appeared.

A towering arch of splendid, transparent colour: it straddled the earth and promised another world. She stood and stared with her head bent back. Her muscles relaxed and her heartbeat slowed. She stood and stared until it faded. She knew it was a sign.

The relief was short-lived. Her grief was deep and complicated. She learnt to live in a constant state of mild anxiety. She held her breath and hung on tight, and tried to avert all imagined catastrophes by observing strange rituals and saying her prayers.

But whenever she saw a rainbow, she stopped what she was doing and watched with her head bent back, silently repeating his name until the spectral light disappeared.

Rotkehlchen

Seit ihre Mutter gestorben war, begegnete sie ihr überall. In kleinen, zarten Begegnungen. In Gestalt dessen, was sie mochte, was sie liebte. Hätte sie das von anderen gehört, es wäre ihr kitschig erschienen. Esoterisch und abgehoben. Doch es war nichts davon. Es war berührend, immerzu aufs Neue. Wenn sie die Wegwarte betrachtete, die in ihrem Garten wuchs, mit ihren lila Blüten am Vormittag. Eine ihrer Lieblingspflanzen. Oder die Palmlilie, die sie ihr geschenkt hatte, und die zum ersten Mal nun blühte. Oder das Rotkehlchen, plötzlich war es ständig da. Saß im Hinterhof und auf Zäunen am Weg. Kam herbeigeflogen und schaute ihr aus seinen dunklen Augen beim Arbeiten im Garten zu. Das Rotkehlchen möchte die Mutter besonders gerne. Saß es im Winter am Futterhaus, rief sie ihre Kinder zu sich, schaut, das Rotkehlchen ist da. Vielleicht, dachte sie, ist sie nun ein Rotkehlchen. Kein Engel im Himmel, keine Erde, kein Staub, kein Nichts. Sondern ein kleines Vögelchen, das sie schon immer so gerne mochte. Scheu und neugierig und zart. Sie mochte den Gedanken. Denn so war sie ihr nah, vielleicht näher als je zuvor.

Bees

The daughter rolls a cigarette, sitting on the low concrete step, watching her mother through the patio doors.

Her mother is catching bees.

It’s a mystery where they come from, but during the day – every day since the beginning of May – they have collected by the French windows; the glass that divides the living room from the back garden. The glass that divides a life’s accumulation of sentimental objects and ornaments from the overrun, overblown exuberance of weeds and flowers gone to seed.

Mostly the bees are sick and dying. They stumble across the wooden floor. The mother traps each bee – one at a time and patiently – under a plastic cup.  Then, she slips an old postcard between the container and the floor, always sure not to damage the insect’s legs. “Goodbye bee” she whispers to each one as she shakes it out, and it falls to the ground, stumbling, too weak to fly.

The daughter rolls another cigarette and thinks: I will miss you very badly when you’ve gone.

Ein neuer Traum

Ich möchte Menschen um mich herum. Freundinnen, die im Nebenraum werkeln, basteln, schaffen. Mit denen ich mich austauschen, mit denen ich lachen, Kaffee trinken, Ideen spinnen kann. Die mich inspirieren und von denen ich mich anstecken lasse. Die ich arbeiten, schreiben, malen, nachdenken höre. Die mich in Ruhe lassen, wenn ich Ruhe brauche, und die da sind, wenn es Zeit für eine Pause ist. Für die ich da bin, wenn sie Pause machen und die ich in Ruhe lasse, wenn sie Ruhe brauchen. Wie ein solitärer Bienenstock vielleicht. Nur ohne Stress und Eier legen. Man hört es brummen und summen und weiß um die anderen. Gemeinsam und doch für sich. Oder für sich und doch gemeinsam.

Love Letters

While many dream of immortality or, at least, some kind of posthumous glory, I dream of dying without leaving a trace. I dream of leaving this world without any evidence that can pin me down, or „call me to account“.

Like all good citizens, I try to limit my carbon footprint. However, humanity has privileged its own comfort over the survival of other species, and I am no better than the rest. It just comes down to taste. I don’t like clutter. I don’t like processed foods. I don’t like plastic bags or long haul flights. Built-in obsolescence annoys me because I can’t be bothered to master new technology. I don’t have children because I prefer to read quietly, and like to walk fast. In many ways I remain anonymous. My impact on the environmental isn’t too bad.

But I write. I have always written. I write as if it’s a compulsion or addiction. I write on the backs of envelopes and on paper serviettes. I write partial observations and exaggerated accounts. I write what’s in my head at any moment in time, with no thought of future consequences. It doesn’t matter that I burn my journals and shred my notes. It doesn’t matter that endless fragments of text end up in the recycling bin. My often-misplaced, and usually exaggerated, proclamations of love remain in the hands of others.

I wish I hadn’t said so much.

 

 

 

 

 

 

 

Bomben

Die braunen Umschläge lagen auf ihrem Tisch. Sie waren vergibt und rochen nach altem Papier. Oma, dachte sie, erzählte gerne aus der Vergangenheit. Von ihrer geliebten Stadt. Den Straßen, den Cafés, wie schön es war, bis die Bomben kamen und sie in eine Kleinstadt musste, die sie jahrzehntelang hassen würde. Omas Worte rauschten durch ihren Kopf, wo sie keinen Anker fanden. Das, was sie wirklich interessierte, blieb unbeantwortet in einem Schwall aus Erinnerungen.

Die Briefe bewahrte Oma auf, wie alles, was sie in den Händen hatte, viele Jahre lang, zwischen Eintrittskarten und Kalenderblättern, in Plastiktüten eines Kaufhauses, das es längst nicht mehr gab. Zögernd nahm sie die Blätter aus einem Umschlag und begann zu lesen. „Meine Liebe“, schrieb er, zwischen vielen Liebesschwüren, „die Feuertaufe habe ich nun hinter mir. Hab‘ keine Angst, ich bin unversehrt. Nun bin ich das geworden, wovor Du solche Angst hast und was Dir alles vernichtet hat.“