Ausstellung

Irgendwann begann sie, ihre Bilder aufzuhängen. Sie spannte eine Schnur, eineinhalb Meter lang, und befestigte diese mit zwei Nägeln an der Wand. In einer Schublade fand sie kleine bunte Wäscheklammern, die sie eigentlich ihrer Nichte schenken wollte. Aber was sollte diese damit anfangen? Puppenkleider aufhängen? Sie konnte sich bessere Beschäftigungen vorstellen. Also nahm sie die Klammern und hängte ein Bild nach dem anderen damit auf. Der Platz reichte nicht aus, so dass sie eine weitere Schnur darunter spannte und an dieser die restlichen Bilder befestigte. Es war das erste Mal, dass sie ihre Bilder ausstellte, wenn auch nur in ihrem Zimmer, für sich und die wenigen, die den Raum betraten. Sie hingen da und sie freute sich darüber. Auch das war das erste Mal: Dass sie sich einfach freute und nicht im Inneren an den tausend Punkten herumkrittelte, an denen sie nicht perfekt waren. Natürlich waren nicht perfekt, sie waren gekritzelt, geschmiert, gekrakelt, aber das war egal. Sie hingen da und sie freute sich. Von Zeit zu Zeit nahm sie die Bilder ab und verstaute sie in einer alten Holzkiste und wartete, bis sich eine neue Ausstellung formierte. Manchmal rasend schnell und bunt. Manchmal blieb die Wand wochenlang leer und weiß, bis auf die leuchtenden Wäscheklammern. Aber irgendwann kam sie wieder, die Ausstellung für sich selbst.

Girlfriend

He had a lot of lists or, rather, Post-It notes, on which he had bullet-pointed numerous and various things. They were stuck to his bedroom wall. Just to the right of the chest of drawers. At eye-level (he was 6 foot 2 inches) so he might never overlook – never forget – what he knew was important to him.

Things he aspired to.
Things he did not.
Things that made he happy (his favourite things).
Things he might regret.
Attributes of the ideal girlfriend.

The last one, the latest one, troubled him greatly. He knew what he wanted from a girlfriend, but had been shocked recently to discover those characteristics in a woman he would never have considered suitable or appropriate. She was, for a start, far too old. She was by no means ugly. It was only that she belonged to a generation that for him should be invisible. Women of her age should not be compatible. They were teachers or mentors or friends of his parents.

A woman to be politely endured.

He took another Post-It note and made a list of the things they had in common. It was surprisingly long.

Listen

Es war ihr ein Rätsel, wie die Tage vergingen, Wie schnell, wie bedeutungslos. Jeden Morgen versuchte sie auf ein Neues, ihnen eine Struktur zu geben. Sie schrieb to-do-Listen, nice-to-do-Listen, done-Listen, Einkaufslisten. Alleine, um etwas abhaken zu können, um das Gefühl zu bekommen, sie habe etwas getan. Sie notierte jeden Morgen ihre Gedanken. Notierte, was sie am Tag zuvor getan hatte – und was es am heutigen Tag zu tun gebe. Sie war beschäftigt und hielt sich beschäftigt, die ganze Zeit. Es gab immer etwas zu tun. Sortieren, putzen, einkaufen, aufräumen, gießen, umtopfen, organisieren, entrümpeln, vorlesen, kochen, zuhören, spielen, bauen, telefonieren. Am Abend wusste sie oft nicht mehr, was sie eigentlich getan hatte. Sie schaute auf den Tag zurück und versuchte sich zu erinnern. Sie wunderte sich, dass die paar Punkte, die sie abhakte, den ganzen Tag füllen konnten. Und sie wunderte sich, dass immer etwas übrig blieb. Dass sie nie fertig wurde, nie das Gefühl hatte, etwas geschafft zu haben.

Natürlich wusste sie, woran es lag. Das Wundern war nur ein Ritual, um sich abzulenken, weiterzumachen, nicht innezuhalten. Diese fucking to-dos kamen einfach immer wieder, sie waren nicht zu schaffen, nicht aus der Welt zu schaffen. Es waren die Dinge auf der anderen Liste, die ihr die Befriedigung verschafft hätten, nach der sie sich sehnte. Zeichnen, schreiben, werken, lesen, spazieren, träumen. Bilder, Texte, Werke, Ideen, Träume. Es war irrig zu glauben, sie käme zu diesen, wenn sie erst alle to-dos geschafft hätte. Sie wusste das, natürlich, und trotzdem legte sie Tag für Tag ihre to-do-Liste oben auf den Stapel und wunderte sich am Abend, das die Tage so schnell vergingen. So schnell und bedeutungslos.

Map

Well, it’s easy she said. We just need a map.

And she waited, as if expecting a round of applause; at least an affirmative nod of the head.

But there was none. There was no one around. There was no one to clap her, or pat her on the back. No one to say, my God you are right. No one to challenge her or say, don’t be a fool. No one to witness what she thought said or did.

It had its advantages and disadvantages. Right now, she was glad she lived alone.

She pressed her face against the window and looked down upon the street. The low, bright sun sent shadows across the pot-holed, buckled tarmac: long-limbed branches, fingering the cracks. When she stepped backed she could see where her face had smeared the glass, and the condensation caught between the double-glazing. Whatever the weather or temperature, it seemed never to evaporate. Small pearls of liquid, like beads of sweat on skin. They distorted her view of the world outside. It looked warm out there, but she knew the wind was cold.

A map, she said to herself as she stood before the mirror, while registering that her face was flabby, soft at the edges, strangely out-of-focus, unflatteringly blurred.

A map: she knew she had some somewhere in a box, souvenirs of places she had been. But, if truth were told, she couldn’t read maps. Her sense of direction was notoriously poor. When she travelled with others she let them navigate. When she journeyed alone her path was endlessly improvised.

Maps are like recipes, she thought out loud: inspiring in their way, but tedious to follow.

Klein-Klein

„Can we get out of the desert in the next few weeks?“, fragt die Freundin. Sie ist mit dem Schreiben an der Reihe und eigentlich ist es eine gute Zeit zum Schreiben. Da sie nun ohnehin zu Hause sitzt, nichts zu tun hat, nicht hinaus muss, keinen relevanten Job erfüllen muss. Sie hat es gemütlich, ist privilegiert genug, diesen Zustand genießen zu können. Dieser Zustand, der sie von sozialen Verpflichtungen befreit, vom Nachdenken darüber, wie es weitergehen könnte. Der alles stiller werden lässt, still stehen lässt in ihrer kleinen Welt. Der die Illusion gelingen lässt, die Welt hielte inne und suche nach einer besseren Version ihrer selbst. Der es zulässt, dass sie das Außen stundenlang vergisst, sich im Klein-Klein ihres Alltags bewegt. Als wäre alles weit weg, als hätte das alles nichts mit ihr zu tun. Sie denkt den heimlichen Gedanken, es möge doch noch ein Weilchen so weitergehen, dieser lasst-mich-doch-alle-in-Ruhe-Modus. Es ist genug von allem da. Essen, Platz, Zeit. Sie kann sich zurücklehnen und sich in ihre kleinen Probleme vertiefen.

Von Zeit zu Zeit bricht das Außen in ihre Welt herein, mit den Nachrichten aus aller Welt, die so skurril im Kontrast zu ihrem Leben wirken, dem penetranten Sonnenschein, den zahlreichen Spazierenden im Wald, ihrem eingespielten Alltag im Ausnahmezustand. Es sickert hinein in ihre Gedanken, die Bilder, wie aus dystopischen Science Fiction Filmen, legen sich über die Behaglichkeit. Sie rafft sich auf und beginnt zu schreiben. Es ist kein Weg aus der Wüste.

Sand

Time sits like a desert around her.  Its grains of sand gather in piles around the structure she has built.

Each day is spent putting things back in the right place. Sweeping and shifting the sand that is simultaneously whipped by the wind into mysterious shapes of its own making; far more imaginative, more unearthly and uncanny, than those she moulds herself. Far more beautiful than she could ever envisage in her mind. More beautiful than she could create.

It is a drag, though, all this sweeping. She feels the drag in the ache of her muscles, in the coldness of her bones and in the numbness of her brain. It’s a routine too, a regime that constitutes her life. It gives her reason to be.  (And it’s been a long time since something beyond her own interest has shaped the way she lives.)

The wind shifts tempo. The sun comes out. Sweat drips from her brow and into her eyes, stinging as badly – if not worse – as a sharp piece of grit. She puts down her broom. She stares at the desert, and decides to go for a walk.

No map, no navigational skills: all her familiar points of reference have rotted and snapped, or been engulfed by the dunes. She keeps on walking in a straight line, or so she imagines. But point-of-view and perspective are so subject to change, so slippery, fluid, so difficult to define.

From above, a single star looks down and wonders at the woman who walks in circles through the sands of time.

Verronnen

Sie schaut aus dem Fenster und beobachtet die Meisen, die in den kahlen Ästen sitzen. Es ist grau draußen, ein ungemütlicher Tag. Sie ist alleine und fest entschlossen, diese Stunden zu genießen, bis der erste Termin sie vor die Türe scheuchen wird. Aber es vermag ihr nicht recht zu gelingen. Es ist ein komisches Ding mit dem Alleinesein, denkt sie. Wie oft sehnt sie das Alleinesein herbei, wenn sie mitten im Trubel steckt. Fast ihr ganzes Erwachsenenleben schon, so kommt es ihr zumindest vor, wenn sie in die Vergangenheit schaut. Alleinesein, um zu tun, was sie gerne tut. Um die Ideen, die in ihrem Kopf herumschwirren, herauszulassen, sie umzusetzen, ihnen Flügel zu geben. Sie sehnt sich nach diesem Zustand des Einsseins mit sich selbst und fühlt sich gehetzt, wenn keine Inseln im Meer des Trubels in Sicht sind. Sie schaut auf die Uhr und sieht die Minuten verrinnen. Die Ideen haben sich in dunkle Höhlen verzogen, keine ist gewillt lozufliegen. Ihr Kopf ist so trübe wie der Nebel vor dem Fenster. Sie ist genervt von ihrer Angespanntheit, davon, dass es ihr nicht gelingt will, etwas zu tun. Es ist dieser Druck, ständig etwas schaffen zu müssen, denkt sie. Selbst diese Zeit sinnvoll füllen zu müssen, die doch nur ihr gehört, über die sie keine Rechenschaft abgeben muss. Sie beginnt ein Buch zu lesen und legt es nach einigen Seiten wieder weg. Sie beginnt einen Brief zu schreiben, doch die Worte tröpfeln nur stockend aufs Papier. Sie beginnt einen Text zu schreiben, der schal bleibt wie ihre Gedanken. Es will ihr nichts gelingen. Nicht das Tun und nicht das Nichtstun. Sind sie vorbei, die wertvollen Stunden, wird sie sich verständnislos fragen, wie sie ihr so durch die Finger rinnen konnten. Und sich nach den nächsten sehnen.

Mirror Mirror

She pours water carefully from a small plastic jug into the diffuser, and lights a candle beneath it. A few drops of lavender water: the smell fills her with peace. Her bed is made up. The duvet and pillow cases all different hues. Gentle colours, and soft-creased from the previous night’s sleep. Her work clothes are laid out on a low glass-topped table. Ready for tomorrow. The rest hang clean in the rickety wardrobe or folded neatly in the cheap-wood chest of drawers. On its top sit moisturiser, a hair brush, some pills and miscellaneous bits and pieces that don’t seem to belong anywhere else. Four photographs are stuck to the wall by the fire exit. Faded and well-handled.

She wraps herself in the patchwork quilt made from old shirts – a man’s shirts – a long time ago. She places the square mirror tile on the worn brown carpet, its top edge leaning on the white-washed wall. At an angle so that the ceiling behind her is reflected instead of her body or face. And then she waits – the only light the tea-light in the white, porcelain oil burner on the windowsill.

And, as she sits – crossed-legged, straight back – something moves at the edges of her sight, interrupting her peripheral vision. The reflected shadows change their forms and dance above her head, and the conversations that haunt her through the day take on a different voice. A different tone. She is no longer alone.

Kobold

Sie war nicht besonders groß, nicht besonders dick, nicht besonders unförmig. Und doch fühlte sie sich wie ein alter Kartoffelsack. Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum, während sich die Freundinnen unterhielten. Die Kneipe war voll, und sie saß, unbeabsichtigt, gegenüber von einem Spiegel, dessen Bild sie vermied. Sie fühlte sich massiv, schlecht gekleidet, ungelenk. Sie kannte dieses Phänomen, es begegnete ihr immer wieder in der Gegenwart von Frauen. Diesen Frauen-Frauen, die nichts verunstalten konnte. Die auf eine Weise hervorragend aussahen, weiblich und schön, die sich schwer fassen ließ. Die zart und zerbrechlich wirkten. Oft gut gekleidet und zurechtgemacht. Doch selbst alte Klamotten, fleckig und ausgeleiert, konnten diese Zartheit nicht durchbrechen. Die aufgeräumt und sauber waren, egal was sie auch taten. Audrey Tautouesk. Sie kam sich schäbig vor in ihrer Gegenwart. Trotz ihrer ordentlichen Hosen. Burschikos und herb und finster. Sie fühlte sich wie ein gewaltiger Klotz neben grazilen Wesen. Zottelig und plump. Albern ist das, dachte sie, und nippte geziert an ihrem Wein, um sich einen kleinen Anstrich von Zartheit zu geben. Alles Einbildung, dachte sie, ein altes Trauma aus Kindertagen, das doch längst überwunden sein könnte. Sie blickte auf und sah sich in dem Spiegel, erbarmungslos. Ein Kobold unter Elfen. Sie kippte ihren Wein hinunter und lachte.